2002 Erscheinen/Verschwinden - Culture is a Trick of the Mind
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Eine bespielte Rauminstallation mit Schauspiel
Musik und Gesang.
Im Rahmen einer Veranstaltung des Frankfurter Kultur Komitee
Museum für Moderne Kunst Frankfurt / Main 26. November 2002
Bericht
Das Frankfurter Kulturkomitee lädt etwa 200 prominente Gäste aus Kultur, Politik und Wirtschaft zu einer Veranstaltung im Museum für Moderne Kunst ein. Die Gäste erwarten einen Diskussionsabend mit Frank Schirmacher, Antje Vollmer, Jonny Klinke und Dieter Gorny zum Thema „Ein Land das seine Kultur verliert: Deutschland?“ Ein Kulturprogramm ist angekündigt.
Die Gäste sammeln sich bei angenehmer Musik im Foyer des Museums. Jeder Gast erhält von netten Hostessen einen Begrüßungsdrink. Nach einer angemessenen Zeit wird man von einer freundlichen Stimme aufgefordert, sich in den On Kawara-Saal auf der dritten Ebene zu begeben.
Der Saal ist mit langen, festlichen geschmückten Tafeln für 200 Personen eingerichtet. An der Stirnwand ist vor den date paintings ein Podium eingerichtet: Über dem Podium steht im Stil einer Wandarbeit von Laurence Weiner geschrieben: „CULTURE IS A TRICK OF THE MIND“. Vor dem Podium steht ein Konzertpiano, 4 Stühle, Musikinstrumente und Notenständer für ein klassisches Streichquartett. Aus den Lautsprechern kommt unaufdringliche, festliche Musik. Einlassstimmung Opernpremiere. An den Eingängen werden neue Tischnummern ausgegeben, die Gäste werden platziert. Dabei werden Paare und Gruppen freundlich aber konsequent getrennt. Wenn die Gäste platziert sind, wird von 20 Kellnern eine hübsch anzuschauende Vorspeise serviert. Es wird kein Besteck ausgegeben. Vom Tonband hört man ein Orchester sich einstimmen. Das Stimmengewirr vom Band verstummt. Das Licht konzentriert sich auf den Flügel und das Streichquartett. Erwartungsvolle Stille. Der Flügel, ausgestattet mit einem elektromechanischen Innenleben, beginnt ohne Zutun eines Pianisten die Goldberg Variationen zu spielen. Auf den durchgehenden Tischreihen links und rechts treten nun parallel zur Musik auf: Links eine als Rokoko-Hofdame kostümierte Sängerin, rechts eine als Joseph Beuys mit blutender Nase verkleidete Schauspielerin. Sie benutzen die Tische als Laufsteg, gehen über das Essen hinweg und bewegen sich langsam Richtung Podium. Rokoko und Beuys als Fluxus liefern sie sich auf den Tischen ein akustisches Duell: Rokoko lacht in Koloraturen, Beuys argumentiert. Die Sopranistin gewinnt das Duell. Sie hält einen hohen Ton. Das Klavier verstummt. Plötzlich fallen die On Kawara Bilder von der Wand zu Boden. Saallicht. Stille. Ein Bild ist hängen geblieben : 15. MAI 62. Udo Kittelmann, der Direktor des MMK, betritt das Podium. Er nimmt einen Pinsel und streicht das Datum auf dem Bild mit weißer Farbe aus. Er erklärt: „Dieses Bild hat On Kawara nie gemalt.“ Er hebt einige der am Boden liegenden Bilder auf und liest vor: „ 25. August 1992: Pogrom gegen das Ausländerwohnheim in Rostock-Lichtenhagen. 18. Oktober 1977: Todesnacht von Baader, Raspe und Ensslin. 15. Januar 1969: Eröffnung der ersten McDonalds Filiale in Frankfurt am Main.“ Es wurden bewusst Daten der deutschen Geschichte seit 1962 sehr subjektiv ausgewählt und in die formale Bildsprache des japanischen Weltbürgers umgesetzt. Niemand hat es bemerkt. Die Gäste haben das Museum und die Kunst als dekoratives und repräsentatives Ambiente missbraucht. „Ein Land das seine Kultur verliert: Deutschland?“. Das ist das Thema der nun folgenden Diskussion. Doch wer bestimmt wirklich was Kultur ist und wer schützt deren Formen gegen wen oder was? Erscheinen und Verschwinden: Kultur ist eine Täuschung des Verstandes.
