Gemeinsame Wege
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Michael Nowottny / Lutz Teutloff / Michael Staab / Kunstauktionshaus Van Ham, Köln
Mit Sandra Klaas, Cowboys On Dope, Peter Salesch.
Kunstausstellung. Eröffnung am 5.Dezember 2007.
Lutz Teutloff zeigt: MICHAEL NOWOTTNY – GEMEINSAME WEGE
Katalogtext von Michael Staab (Kurator)
Gespenster und andere Zeitgenossen.
Vor 20 Jahren kreuzten sich erstmals die Wege des Künstlers Michael Nowottny und des Kunstsammlers und Galeristen Lutz Teutloff. Anlässlich dieses Jubiläums wurden im Kölner Kunstauktionshaus van Ham unter dem Titel „Gemeinsame Wege“ Arbeiten von Nowottny aus 25 Jahren in einer für eine Malereiausstellung sehr ungewöhnlichen Form der Inszenierung präsentiert.
Ein zerstörter Hubschrauber, Feuerfässer, Videomonitore, ein Bühnenschiff mit Mast und Segeln, eine Rockband, eine Schauspielerin im Kostüm, Kerzenlicht und Theaterscheinwerfer, Bier, Rum und eine Grillstation, Großprojektionen und Toneinspielungen: Die sozialen, performativen, medialen und musikalischen Elemente der Ausstellung waren hier nicht schmückendes Beiwerk zur bildenden Kunst, sondern sind unmittelbare Teile eines sehr vielschichtigen künstlerischen Werkes.
Seit langem realisiert Nowottny selbstinszenierte Videoarbeiten, performative und konzeptionelle Kunst-Aktionen, soziale Happenings und Reiseprojekte als selbstverständlichen Teil des künstlerischen Prozesses. Aus Begegnungen entstehen Gedanken, aus Gedanken entstehen Szenen, aus Szenen Bildern, aus Bildern wieder neue Gedanken und Begegnungen. Nowottny erwartet nicht die künstlerische Inspiration in der Einsamkeit des Ateliers, er geht in die Welt hinaus oder lädt die Welt zu sich ein. Die Kernaufgabe des Künstlers, die Bilderfindung, findet bei ihm auf vielerlei Ebenen statt. In seiner Malerei überprüft er dann die aus seinen interdisziplinären Aktivitäten heraus entstandenen Bildwelten und gibt ihnen eine reflektierte und bleibende Form.
Die in der Ausstellung gezeigte Werkgruppe DAG BAD macht die verschiedenen Ebenen der Werkentwicklung deutlich. Eine als Spielfilm angelegte Videoarbeit zeigt Szenen und Bilder, die uns seltsam vertraut vorkommen. Orientalisch gekleidete Menschen bejubeln den Abschuss eines Kampfhubschraubers und posieren vor dem brennenden Wrack. Irritierenderweise ist die Umgebung aber die eines offensichtlich in Deutschland liegenden Abrissgeländes mit Baumaschinen, halbzerstörten und leerstehenden Gebäuden und wildwuchernden Pflanzen. Fast zeitgleich zu den Ereignissen im zweiten Irak-Krieg 2003 musste Nowottny sein Atelier in Köln-Nippes räumen, da es zum Abriss durch einen finanzstarken Investor freigegeben war. Diese scheinbar ganz unterschiedlichen Ereignishorizonte zum Thema Macht und Ohnmacht, David gegen Goliath, verschmolz er zu einer neuen Wahrnehmungsebene, indem er Freunde und Bekannte bat, Bilder und Szenen die man aus den Nachrichten kennt, unter seiner Regie nachzuspielen und sie mit den eigenen Emotionen und Erfahrungen zu füllen. Der zerstörte Hubschrauber mit den jubelnden Menschen taucht dann als zentrales Motiv in einem fast 10 Meter langen, vierteiligen Gemälde wieder auf, das im selben Raum wie der Film präsentiert wurde. Das in unser kulturelles Gedächtnis eingebrannte Nachrichtenbild der einfachen Bauern, die mit ihren Flinten eine übermächtige Kampfmaschine besiegt haben, bekommt so durch die Malerei den Status eines Historienbildes.
Nowottny gelingt es, große menschliche Gefühle in allegorische Bilder zu packen. Durch den improvisierten Charakter des Filmes und die skizzenhafte Ausführung des Gemäldes bleiben diese Arbeiten frei von jedem aufgesetzt wirkenden Pathos. Er benutzt die erzählerischen Qualitäten des Mediums Films und die authentische Wirkung einer durch Menschen dargestellten Situation und verstärkt die Eindrücke noch durch den suggestiven Einsatz von Musik. Das aus diesem eigenständigen filmischen Werk generierte Gemälde wirkt auf den Betrachter dann um so authentischer, da es nicht der bloßen Phantasie, sondern einer realen Situation entsprungen ist.
Noch einen Schritt weiter geht Nowottny in seiner Werkgruppe „Moby Dick“, die in der Ausstellung nicht ohne Grund eine Schlüsselrolle eingenommen hat. Er interpretiert seit einigen Jahren Herman Melvilles großen Roman über die Hybris des Menschen mit eigenen künstlerischen Mitteln neu und reflektiert dabei auch die Leidenschaften und Kämpfe in der Auseinandersetzung mit der Kunst. Er malt Bilder, dreht Szenen in freier Improvisation und orientiert sich dabei an den Bildwelten der berühmtesten der drei filmischen Umsetzungen des Stoffes, der Kinofassung von John Huston aus dem Jahr 1956. Er findet geeignete Spielorte in seiner Umgebung oder reist an die originalen Drehorte und filmt und malt dort vor Ort. Die Szenen besetzt er mit Freunden, Weggenossen und Reisebekanntschaften. In einem ersten großen Gemälde findet sich so auf dem Achterdeck des Walfangschiffes Pequot neben Gregory Peck als Kapitän Ahab mit Hans Kolpin auch ein Wegbegleiter Nowottnys wieder. Die aus Überlieferungen und wahren Begebenheiten heraus erfundene und aufgeschriebene Geschichte des Moby Dick wurde im letzten Jahrhundert mit den neuen Mitteln des Films weitererzählt und auch in Theaterstücken, Hörspielen und Comics verarbeitet. Nun beginnt Nowottny mit seiner großen Erzählung des Stoffes als Maler. Die Reise des Ismael wird zur Reise des Michael Nowottny. Am Ende des Weges, etwa 2011, werden mehr als 20 große Gemälde stehen, die als in sich geschlossene Werkgruppe die alte Geschichte in neuen Bildern erzählen und auch überliefern werden.
Auf dem angedeuteten Bühnen-Schiff in der Mitte des Ausstellungsraumes verwandelte sich der Sänger der Band Cowboys on Dope (Peter Sarach) nach und nach in Kapitän Ahab und zog mit seinem intensiven Spiel und den suggestiven Worten Melvilles das Publikum in den Bann. Aus den Ausstellungsbesuchern wurde so die eingeschworene Mannschaft auf einer Reise in die Kunst. Dieser magische Moment wird nun auch Teil des Gesamtprojektes Moby Dick. Der Besucher der Ausstellung wird zum Teil eines neuen Kunstwerkes. Dieses partizipatorische Prinzip zeigt sich auch in den anderen ausgestellten Werken und Werkgruppen immer wieder, etwa im großen Fußballbild „Ballannahme“, das auf Ereignisse während eines von Nowottny eigens organisierten Fußball-Turniers basiert.
Die Malerei - manchmal schon totgesagt, zur Zeit wieder bestimmende Kunstform - befindet sich in einem ständigen Zustand der Erneuerung. Michael Nowottny sieht sich hier in einer langen Tradition. Deshalb tauchen in seinen Bildern – fast wie Gespenster- immer wieder auch Darstellungen von bekannten Künstlern oder ihrer Motive aus vergangenen Zeiten auf. Hodler, Klinger, Cezanne, Munch werden posthum zu Teilnehmern an neuen Kunsterfindungen. Er benutzt sie jedoch nicht als kunsthistorisches Personal, sondern begibt sich in realen Reisen an die Orte ihres Schaffens oder Lebens, um dem Nachklang ihrer persönlichen Beweggründe und Geschichten näher zu kommen. Er empfindet nicht ihre Arbeiten nach, sondern macht sie zu Komplizen seines eigenen künstlerischen Schaffens.
Dieser lange Bogen von der Spurensuche in der Vergangenheit bis hin zur Verwendung von modernen Techniken und partizipatorischen Aktionen im Sinne eines erweiterten Kunstbegriffs macht dieses Werk intensiv, lebensnah und vielfältig. Nowottnys Arbeitsweise entspricht der Komplexität unserer Zeit und befindet sich auf dem neuesten Stand der Entwicklungen im Kunstbereich.
Und so entschlüsselt sich schließlich auch die Rolle der Schauspielerin Sandra Klaas, - die im Laufe des Abends die Werke und Stationen von Michael Nowottny mit Texten und Spielszenen begleitet hat- nicht als rein dramaturgisches Beiwerk, sondern als integrierter Teil des Gesamtwerkes: Sie ist auch ein Modell von Nowottny und begegnet uns in den ausgestellten Bildern in gemalter Form wieder. Dieses bewusst eingesetzte Vexierspiel zwischen Realität und Abbildung ermöglicht eine Öffnung der heute oft starren Abgrenzung zwischen Kunst und Alltagserleben. Die emotionalen und sehr individuellen Reaktionen der Schauspielerin auf die Bilder, die Ausstellung und auch die Besucher sollten zeigen, dass nicht nur der künstlerische Prozess, sondern auch das Betrachten und Erleben von Kunst als Besucher einer Ausstellung eine sehr subjektive Sache ist. Ob wir lediglich distanzierter Betrachter sind oder aber die Kunst als unmittelbaren Teil unserer Wirklichkeit zulassen, liegt bei uns selbst. Michael Nowottny macht uns diese Entscheidung leichter.
Michael Staab
Inszenierung und Kurator der Ausstellung
http://www.teutloff.net Lutz Teutloff Kultur+Medienprojekte
http://www.nowottnyart.de Michael Nowottny Homepage
http://www.van-ham.com Kunstauktionshaus Van Ham, Köln
http://www.cowboysondope.de Cowboys On Dope - Homepage der Band
